Begegnung mit einem Sportstar der ehemaligen DDR

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RC Avanti-Vorstand Max Meidinger zu Besuch beim ehemaligen Radrennweltmeister Täve Schur in Sachsen-Anhalt

Er gilt als populärster Sportler der ehemaligen DDR, er hat als erster Deutscher die Radweltmeisterschaft der Amateure und die Internationale Friedensfahrt gewonnen, er war über 30 Jahre Abgeordneter der Volkskammer der DDR und gehörte nach der Wende auch noch dem Deutschen Bundestag an: Gustav-Adolf „Täve“ Schur. Der 86-Jährige lebt bis heute in seinem Geburtsort Heyrothsberge bei Magdeburg, wo ihn jetzt der Vorsitzende des Viechtacher Radsportclubs Avanti, Max Meidinger, besuchte.
„Den meisten Menschen im westen Deutschlands oder gar in Bayern sagt der Name Täve Schur nichts, aber für mich als Radsportler war er schon immer Begriff“, erzählt Max Meidinger im Gespräch mit dem Viechtacher Bayerwald-Boten über seinen Besuch in Sachsen-Anhalt. So habe er sich schon 2006 anlässlich eines Urlaubes mit seiner Frau auf Rügen 2Bücher über den populären Radsportler gekauft und danach sei bei ihm der Wunsch immer größer geworden, diesen Mann noch kennenzulernen.


Über Schurs Söhne – Jan war 1988 selbst Olympiasieger und ist heute Radsporttrainer, Erik betreibt ein Fahrradgeschäft in Magdeburg – stellte Max Meidinger schließlich den Kontakt her und nach einem Telefonat mit Täve Schur wurde er spontan „zum Kaffeetrinken“ eingeladen. Auf Grund der vielen Termine mit Einladungen und Vorträgen, die der 86-Jährige noch immer absolviert, zog es sich aber über mehrere Wochen hin, bis man endlich ein Treffen vereinbaren konnte. Und dies wäre von Schurs Tochter beinahe noch abgesagt worden, weil „sich der Papa durch eine Grippe nicht fit fühlt“, aber dann entschied Täve Schur, dass „der Radsportfreund aus Bayern kommen soll“.
In der vergangenen Woche war’s dann so weit und Max Meidinger fuhr für drei Tage nach Sachsen-Anhalt – mit dabei natürlich sein Rennrad, denn ohne tägliches Training geht bei dem leidenschaftlichen Radsportler gar nichts. Seit fast 40 Jahren sitzt er im Rennradsattel und legt dabei im Durchschnitt jährlich 8000 Kilometer zurück, das bedeutet, dass er schon gut sechsmal die Erde umrundet hat. Bis heute fährt der Avanti-Vorstand regelmäßig Radmarathon und Lizenzrennen in seiner Altersklasse und ist auch häufig in Italien, Österreich und Tschechien unterwegs.
Mit der Begegnung mit Täve Schur sei für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen, gesteht Max Meidinger, denn „er ist eine Legende des deutschen Radsports“. Fast drei Stunden dauerte die „Kaffeestunde“ im Eigenheim der Familie Schur in Heyrothsberge bei Magdeburg, wo der Gast aus Bayern überaus freundlich aufgenommen wurde und Täve Schur viele Geschichten aus seinem langen, bewegten Leben erzählte.
Gustav-Adolf (aus dem sich der Spitzname Täve ableitet) Schur wurde am 23. Februar 1931 in Heyrothsberge (Kreis Jerichow) bei Magdeburg geboren, wo er noch heute lebt. Als 19-Jähriger begann der gelernte Maschinenmechaniker bei BSG Aufbau Börde Magdeburg mit dem Radsport und machte schnell mit herausragenden Ergebnissen auf sich aufmerksam. Nachdem er 1951 das DDR-Eintagesrennen „Rund um Berlin“ gewonnen hatte, gehörte er ein Jahr später bereits der DDR-Auswahl für die Internationale Friedensfahrt an. Nach Siegen bei der DDR-Rundfahrt und der DDR-Meisterschaft im Querfeldein wurde er Ende 1953 bei einer Umfrage der Bevölkerung erstmals zum Sportler des Jahres gewählt.
Seinen internationalen Durchbruch erlebte Täve Schur bei der Friedensfahrt 1955, als er als erster DDR-Fahrer die Gesamteinzelwertung gewann. Nachdem er bei den Weltmeisterschaften bis 1957 Edelmetall jeweils knapp verpasst hatte, wurde er 1958 in Reims/Frankreich Amateur-Weltmeister auf der Strasse und ein Jahr später gelang ihm in niederländischen Zandvoort die Titelverteidigung. Bei den Olympischen Sommerspielen 1956 in Melbourne und 1960 in Rom gehörte Schur zur gesamtdeutschen Mannschaft und gewann in Rom im erstmals ausgetragenen Mannschaftszeitfahren die Silbermedaille. Im gleichen Jahr wurde Schur im achten Mal in Folge zum Sportler des Jahres gewählt. 1963 führte er als Kapitän die DDR-Mannschaft nochmals zum Gesamtsieg bei der Friedensfahrt, ehe er nach der deutsch-deutschen Olympiaqualifikation für Tokio 1964 im Alter von 33 Jahren seine aktive Laufbahn beendete. Bis 1973 war Täve noch als Trainer tätig.
Mit seiner Volksverbundenheit und Linientreue kam Täve Schur in der DDR-Propaganda auch die Rolle eines heldenhaften Musterbürgers zu. Schur besaß bereits zu seiner Zeit als Aktiver ein Abgeordnetenmandat für die Volkskammer, welches er von 1958 bis 1990 zuerst für die FDJ und später für die SED und PDS wahrnahm. Nach der Wiedervereinigung zog er 1998 über die Landesliste der PDS Sachsen in den Bundestag ein, dem er bis 2002 angehörte. Dort war er sportpolitischer Sprecher der Fraktion und setzte sich insbesondere für den Breitensport ein. Auch wenn Schur ein Sportstar war, sah er sich gerade als Radrennfahrer immer als Teil der Mannschaft, des Kollektivs. 1989, zum 40-jährigen Staatsjubiläum und 25 Jahre nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn, war er zum populärsten DDR-Sportler aller Zeiten gewählt worden.
 Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Täve Schur aber die Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports verwehrt blieb. Erst 2017 scheiterte ein zweiter Anlauf, weil er sich nach Ansicht der Jury zu wenig vom DDR-Regime und vor allem vom Staatsdoping distanziert hatte.
In der kommenden Woche feiert das Sportidol der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik seinen 87. Geburtstag und der Viechtacher Avanti-Vorstand hat ihm dazu schon im Voraus beste Glückwünsche übermittelt. Max Meidinger dürfte darüber hinaus einer der wenigen Bayern gewesen sein, die von Täve Schur daheim empfangen worden und deshalb war diese Begegnung für ihn ein „einmaliges Erlebnis“. Zu Meidingers Besuchsprogramm in Sachsen-Anhalt zählte auch noch das Friedensfahrt-Museum im nahen Kleinmühlingen, in dem natürlich die sportlichen Leistungen von Täve Schur und vielen anderen ehemaligen Radsportgrößen in Wort und Bild ausgiebig gewürdigt werden.